Es sind Bilder, die sich einprägen: Menschen im Wasser, Menschen auf Grenzanlagen, Menschen, die versuchen, möglichst schnell europäischen Boden zu erreichen.
Ende Juli 2026 kamen rund 50.000 Menschen über die Grenze zwischen EU und Marokko.

Ja, wir haben eine Grenze mit Marokko. Denn Ceuta ist eine spanische Exclave, ein außerhalb des Hauptterritoriums eines Landes liegendes Gebiet.
Was war passiert?
Aus mehreren Quellen (u.a. der Wochendämmerung) habe ich erfahren, dass insbesondere Accounts auf TikTok den Algorithmus geschickt genutzt haben, um in Marokko die Nachricht zu verbreiten, dass die Grenze nach Spanien „offen“ sei.
Um dann komplett zu verschwinden und alle Spuren zu ihren Inhabern zu verwischen.
Doch so neu, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist die Geschichte nicht. Ceuta kennt solche Situationen seit Jahren. im Mai 2021 waren es innerhalb weniger Tage rund 8.000 Menschen, die von Marokko aus nach Spanien gelangten. Auch damals wurde daraus in den Medien eine Flüchtlingskrise, die scheinbar plötzlich über Spanien hereinbrach.
Ceuta ist eine spanische Stadt an der nordafrikanischen Küste. Nur wenige Kilometer trennen sie vom spanischen Festland, politisch gehört sie jedoch zur Europäischen Union. Damit ist die Grenze zwischen Ceuta und Marokko zugleich eine Außengrenze der EU. Für Menschen, die nach Europa gelangen wollen, ist das von enormer Bedeutung: Wer Ceuta erreicht, befindet sich auf europäischem Boden.
Für Marokko ist Ceuta dagegen ein politisch höchst sensibles Thema. Rabat erkennt die spanische Hoheit über Ceuta und das ebenfalls spanische Melilla nicht an. Beide Städte werden von Marokko als Teil seines Staatsgebiets betrachtet.
Damit treffen an diesem kleinen Grenzabschnitt mehrere nicht unbrisante Themen aufeinander: Migration, europäische Grenzsicherung, spanisch-marokkanische Beziehungen und der ungelöste Konflikt um die Westsahara.
Die Ereignisse von 2026 und 2021 waren deshalb keineswegs beispiellos.
Bereits 2005 kam es zu massenhaften Versuchen, die Grenzanlagen von Ceuta und Melilla zu überwinden. Die spanischen Behörden reagierten unter anderem mit einer weiteren Verstärkung der Grenzanlagen.
2014 rückte Ceuta erneut in die internationalen Schlagzeilen. Eine größere Gruppe von Menschen versuchte, schwimmend die Grenze zu erreichen. Beim sogenannten Tarajal-Zwischenfall kamen mindestens 15 Menschen ums Leben.
Der Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, lautet „Instrumentalisierung von Migration“. Und zwar als politisches Druckmittel.
Damit ist nicht gemeint, dass die Menschen, die nach Ceuta gelangten, keine eigenen Gründe für ihre Migration gehabt hätten. Im Gegenteil: Menschen migrieren aus sehr unterschiedlichen Gründen – aus wirtschaftlicher Not, wegen fehlender Perspektiven, politischer Verfolgung oder schlicht in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Die Instrumentalisierung setzt an einer anderen Stelle an.
Ein Staat kann beeinflussen, wie stark eine Grenze kontrolliert wird. Und wenn dieser Staat weiß, dass eine Lockerung der Kontrollen innerhalb kürzester Zeit zu einem erheblichen Migrationsdruck auf ein Nachbarland führt, kann daraus ein politisches Druckmittel entstehen.
Genau dieser Vorwurf wurde Marokko nach den Ereignissen von 2021 gemacht.
Und er ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn die marokkanischen Sicherheitsbehörden sind normalerweise durchaus in der Lage, die Grenze zu kontrollieren. Die plötzlich massenhafte Bewegung war deshalb nicht einfach das Ergebnis einer zufälligen Ansammlung von Menschen.
Der unmittelbare Auslöser war 2021 ein diplomatischer Streit zwischen Spanien und Marokko.
Spanien hatte Brahim Ghali, den Führer der Polisario, heimlich zur medizinischen Behandlung einreisen lassen. Die Polisario kämpft für die Unabhängigkeit der Westsahara, Marokko beansprucht das Gebiet für sich. Marokko war darüber wenig amüsiert und verlangte von Spanien unter anderem eine Erklärung für die Aufnahme Ghalis.
Am 17. Mai 2021 eskalierte die Situation. Das Europäische Parlament beschreibt später ausdrücklich, dass marokkanische Behörden die Grenzkontrollen vorübergehend lockerten, faktisch die Grenztore öffneten und Menschen nicht mehr am Übertritt hinderten.
Und diese wohlfeile Lunte, die Marokko jederzeit anzünden kann, hat die EU sehenden Auges geschaffen. Denn die EU hat in den vergangenen Jahrzehnten einen erheblichen Teil ihrer Grenzkontrolle an Staaten außerhalb der Europäischen Union ausgelagert.
Auch an Marokko. Das Land kontrolliert nicht nur seine Grenze zu den spanischen Exklaven, sondern ist auch für die Eindämmung von Migrationsbewegungen über den Atlantik und das westliche Mittelmeer von Bedeutung.
Was war diesmal der Auslöser?
In den Nachrichten u.a. auf TikTok maßgeblich war ein Urteil des spanischen Obersten Gerichts vom 29. Juni 2026. Das Gericht stellte klar, dass die sogenannte rechazo en frontera, also die unmittelbare Zurückweisung nach einem offensichtlichen illegalen Grenzübertritt, nicht bei Menschen angewandt werden kann, die auf dem Seeweg nach Ceuta oder Melilla gelangen. Dadurch wurde das Schwimmen nach Ceuta nicht plötzlich legal. Es bedeutete vielmehr, dass für diese Personen ein rechtsstaatliches Verfahren erforderlich sein kann.
In den Postings wurde das verkürzt auf „Spanien kann dich nicht zurückschicken, die Grenze ist offen.“
Reuters berichtet, dass einige Analysten auch 2026 die Frage stellen, ob marokkanische Behörden die Bewegung bewusst zugelassen oder zumindest nicht verhindert haben. Gleichzeitig betont Reuters aber, dass es dafür noch keinen eindeutigen Beweis gibt.
Und welchen Einfluss hatte Marokko diesmal?
Spanien hat sich in den vergangenen Jahren stark an Marokko angenähert – insbesondere wegen der Westsahara. Gleichzeitig ist Algerien ein Gegenspieler Marokkos und hatte den spanischen Kurswechsel zur Westsahara ausgesprochen kritisch aufgenommen.
Und ausgerechnet unmittelbar vor der Ceuta-Krise war Spaniens Premierminister Pedro Sánchez in Algerien.
Das ist deshalb interessant, weil Marokko und Algerien seit Jahren in einem äußerst angespannten Verhältnis stehen. Der Guardian berichtet, dass spanische Geheimdienstkreise deshalb auch die Möglichkeit einer Lockerung der marokkanischen Grenzkontrollen als Reaktion auf politische Spannungen untersuchen.
Belegt ist das alles aber nicht.
Gerade bei faktisch anonymen Posting-Wellen in sozialen Medien wie TikTok riecht das ganze nach Akteuren, die nicht in Marokko sitzen. Innerhalb der EU wurde deutlich Spanien kritisiert, Georgia Meloni hat beispielsweise die Aussage Spaniens, dass Zuwanderer schneller Aufentaltserlaubnisse bekommen sollten, als Auslöser „identifiziert“. Dabei war diese Aussage zum Zeitpunkt der Krise schon ein halbes Jahr alt.
Vielleicht waren es Trollfarmen, wie beispielsweise Russland sie betreibt.
Vielleicht aber politische Akteure aus einer anderen Richtung, vielleicht schlicht der Algorithmus, der aus einem Gerücht eine Massenbewegung gemacht hat. Vielleicht war auch Marokko beteiligt, vielleicht sogar mehrere Akteure gleichzeitig, koordiniert oder zufällig. Sicher wissen wir es derzeit nicht.
Und genau das ist vielleicht die beunruhigendste Erkenntnis aus den Ereignissen von Ceuta: Eine Grenze muss heute möglicherweise gar nicht mehr geöffnet werden. Es reicht, wenn genügend Menschen davon überzeugt sind, dass sie offen ist.
2021 konnte ein Staat Migration als Druckmittel einsetzen, indem er seine Grenze weniger gut bewachte. 2026 könnte gezeigt haben, dass dafür vielleicht nicht einmal mehr dieser Staat notwendig ist.
Wer die Grenze tatsächlich geöffnet hat, ist damit vielleicht gar nicht die wichtigste Frage.
Die wichtigere Frage lautet: Wer hat dafür gesorgt, dass 50.000 Menschen glaubten, sie sei offen?