Seit Tschernobyl wissen wir… (Updates)

…ja was?
Es war 1986, als die Katastrophe von Tschernobyl der Anti-Atom-Bewegung Argumente gab. Die Bedrohung war nicht nur theoretisch oder weit weg wie Harrisburg, sie war konkret und führte hierzulande zwar nicht zu konkreten Gefahren nennenswerter Lebensgefahr, aber zu Einschränkungen der Lebensqualität.
Exemplarisch für derartige Katastrophen war den Umgang von Wirtschaft und Politik mit dem Thema: Wir reden es schön. Der großartige Henning Venske sagte Ende der 1980er mal im Stil einer leidenschaftlichen Bundestagsrede

Seit Tschernoby wissen wir endlich, dass… dass… dass…
dass die Russen keine Atomkraftwerke bauen können!

Während ich diesen Text schreibe brennt in Japan das Kernkraftwerk Fukushima. Die Liste der Unfälle in kerntechnischen Anlagen wurde wieder um einen Eintrag länger. Während wir hier im fernen Westen nicht wissen, ob wie den offiziellen Quellen Glauben schenken können, dass die gefürchtete Kernschmelze noch nicht eingetreten und noch vermeidbar ist derzeit in Fukushima sicher und in einem zweiten Kernreaktor höchstwahrscheinlich eine Kernschmelze eingetreten ist, und bei uns Tausende gegen Atomkraftwerke demonstrieren, machen die Politiker das, was sie nicht erst seit Tschernobyl gut können: Sie spielen die Gefahren herunter.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen meint:

So wandte sich Röttgen vor dem Hintergrund der “aktuellen Notlage” in Japan zugleich gegen “politische Diskussionen” über die Sicherheit und Laufzeit von Kernkraftwerken in Deutschland. “Ich halte das für völlig deplatziert”, betonte der Minister und Landesvorsitzende der NRW-CDU.
(SPIEGEL Online)

Meiner Meinung nach ist die Diskussion, ob wir die Atomkraft “im Griff haben” oder nicht, deplatziert. Ebenso ist die Argumentation, dass in Tschernobyl nur mit russischer Improvisationskunst gearbeitet wurde, oder dass ein deutsches Kernkraftwerk nie von Tsunamis oder Erdbeben wie in Japan bedroht werden kann, unwürdig.
In einer Zeit, in der uns eine Terrorismusangst eingeimpft werden soll, die aus jedem vergessenen Koffer eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Kampfmittelräumdienste macht, in der die Wirtschaftlichkeit von Aufwänden für Schutzmaßnahmen immer wieder mit ihrer Notwendigkeit im Konflikt steht, ist eine Diskussion darüber, ob Kernkraft “sicher” ist oder nicht ekelhaft.
Sicherlich haben wir die Kernkraft im Griff.
Unter Laborbedingungen.
Nicht im Griff haben wir

  • Erdbeben (interessante Liste der Universität Köln)
  • Menschliches Versagen bei der Bedienung
  • Technisches Versagen der Schutzvorrichtungen
  • Sabotage
  • Terroristische Anschläge
  • Meteoriteneinschläge (nicht lachen, auch das sind mehr als gedacht)

Bald ist wieder Wahl und wir wollen hoffen, dass der Atomausstieg wieder aufgenommen und beschleunigt statt gebremst wird. Sicher sein können wir dessen aber nicht, denn wer weiss, was an Katastrophen bis dahin die Medien beherrschen.
Wir können jedoch alle etwas dafür tun, die Atomkraft in Deutschland wirtschaftlich zu bestrafen. Das nennt man Abstimmen mit den Füßen.
Die Liberalisierung des Strommarktes erlaubt uns die freie Wahl des Stromanbieters. Und da gibt es reichlich Anbieter, die Atomstrom ausschließen.
Ich selber bin seit Jahren Kunde bei den Elektrizitätswerken Schönau, aber auch auch Greenpeace hat eine Energie-Genossenschaft gegründet und die Naturstrom AG ist auch schon oft in den Medien gewesen.
Yannicks Hinweis auf Lichtblick als unabhängigen Ökostromanbieter nehme ich gerne aus den Kommentaren in den Beitrag.
Das sind schonmal drei vier Anbieter, die ich kenne. Nicht empfehlen kann ich Ökostrompakete der großen Energieunternehmen. Ökostrom kann nach den Marktgesetzen teurer angeboten werden, als “normale” Elektrizität, weil die reinen Öko-Anbieter auf den Bau neuer Anlagen setzen und diese noch finanzieren müssen. Vattenfall, RWE & Co haben z.B. längst abgeschriebene Wasserkraftanlagen, deren Strom sie als Ökostrom vermarkten können, ohne einen Euro zu investieren. Auf diese Weise wird durch den Ökostrom sogar der Atomstrom subventioniert.
Wer also etwas verändern will, der nimmt z.B. einen der drei genannten unabhängigen Anbieter.
Wer noch andere Anbieter kennt: Die Kommentare sind offen, nur zu!
UPDATE: Im physikBlog hat André die technischen Hintergründe erklärt und etwas zum Thema “Restlaufzeit” interessantes entdeckt:

Tragisches Detail am Rande: Fukushima I sollte in einem Monat nach 40 Jahren Betriebsdauer abgeschaltet werden.

Auf Twitter sagt @Sohist_ dazu sehr passend:

Atomunfälle. Wahrscheinlichkeit: Einer in zig Millionen Jahre. Während meines Lebens ereignet: Zwei. Bisher.

@Deef souffliert der Regierung gleich eine Begründung, warum – im Fall, dass die Kernschmelze nicht böse endet – in Deutschland alle Reaktoren weiterlaufen dürfen:

Prognose: wenn Japan Tschernobyl doch abwendet, sagt die FDP am Montag: “Sehen Sie! Sogar Kernschmelze ist mit richtiger Technik harmlos…”

UPDATE 2: Derzeit sieht es so aus, als ob auch im Kernkraftwerk Onagawa eine Kernschmelze droht oder stattfindet. Carta.Info berichtet, dass der SPIEGEL noch während des Drucks der Auflage sein Cover umgestaltet hat und in der morgigen Ausgaben mit dem Titel

Fukushima, 12, März 2011, 15.36 Uhr: Ende des Atomzeitalters

erscheinen wird.
Und für alle, die über meinen Wahlplakat-Star-Wars-Mashup lachen konnten hier ein aktueller Netzfund via Twitpic.
UPDATE 3: Martin Oetting spricht mir aus der Seele, warum Atomkraftgegner eben nicht naiv, zynisch oder blauäugig sind.

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Wenn ich ganz ehrlich bin…dieser Beitrag ist klasse, ich hätte diese Meinung nicht besser in Worte fassen können.
Hier noch ein Stromanbieter, mein Vater ist vor ein paar Jahren dort hin gewechselt und wir sind seit dem 100% zufrieden und zahlen nicht viel mehr, als die anderen für Atomstrome zahlen:
Lichtblick
Die Lichtblick AG ist ein privat finanziertes deutsches Energieversorgungsunternehmen mit Sitz in Hamburg. [Quelle: Wikipedia]

Obacht!

“Warning: ob_start() [ref.outcontrol]: output handler ‘ob_gzhandler’ cannot be used after ‘URL-Rewriter’ in /mnt/webc/60/87/5390287/htdocs/elwood/blog29/wp-content/plugins/wp-http-compression/wp-http-compression.php on line “

Argh, der Hinweis, dass diese Seite den zitierten Fehler ausspuckt wäre vermutlich angebracht gewesen. Tz 😉

Lieb gemeint der Hinweis mit dem Stromanbieter. Aber bringt es was, wenn wir uns selbst die Dinge schönreden? Strom aus Solar wird für 50cent/kwh beim Erzeuger abgekauft, Gesetzlich garantiert. Andere Stromerzeuger, welche ohne Umweltbelastung oder Gefährdung Strom erzeugen bekommen ebenfalls garantierte Preise. Wenn also ein Unternehmen mir sagt, das es den Strom nur unwessentlich teurer anbietet wie andere, aber auch verspricht, Strom aus Garantiepreis Anlagen zu liefern, kann ich sicher sein das ich belogen werde. Strom sieht man nicht an, woher er kommt. Man kann noch nichtmal festlegen wie er fliest. Folglich bietet ein solcher Anbieter nur folgendes an: In… Lies mehr >>