Es gibt ja diesen Begriff „Post Privacy“ – der Gedanke ist, dass wir durch Computer, das Internet und überhaupt eh die Kontrolle darüber verloren haben, wer welche Daten und Informationen über uns hat. Kontrollverlust halt.
Die beiden Lager, die sich da ideologisch bekämpfen, sind die Spackeria und die Aluhüte. Ich stehe da zwischen den Stühlen.
Einerseits muss ich sagen, dass ich selber in Social Media agiere und kein Geheimnis um meine Identität mache. Und dort auch private Dinge preisgebe.
Andererseits bin ich nicht „datenschutzkritisch“, wie die Spackeria sich bezeichnet. Datenschutz ist ein Bürgerrecht – wenn nicht Menschenrecht – und wichtig. Insbesondere vor dem Hintergrund, vor dem es entstanden ist.
Wen wir heute von Datenschutz reden – bzw. wenn Medien und Politiker es tun – ist der Böse immer der Datenkrake. Google, Facebook, die Telefongesellschaften, die METRO, Kreditkartenfirmen und Banken als Beispiele.
Dabei entstand der Datenschutz, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung im Jahr 1983 durch das „Volkszählungsurteil“ des Bundesverfassungsgerichtes.
Es besagt zunächst, dass niemand mich zwingen kann, meine persönlichen Daten zu offenbaren und auch der Staat das Verhältnismäßigkeitsprinzip beachten muss. Sprich: Was auch immer der Staat von mir wissen will darf er sogar per Gesetz nur von mir verlagen, wenn es

  • Erforderlich ist, eine staatliche Aufgabe zu erfüllen
  • geeignet ist, um die Aufgabe zu erfüllen
  • und angemessen ist, also das, was mit dem Herausgeben der Daten verbunden ist, nicht in einem Missverhältnis zum gewünschten Erfolg steht.

Dass der Staat selber – also die Legislative – natürlich viel restriktivere Regelungen in Sachen Datenschutz für Unternehmen als für die eigenen Behörden wünscht, ist schon klar. Und durch das Anprangern privatrechtlicher Datenkraken durch den Staat wird natürlich in den Schatten gestellt, dass die wahren Datenschutzprobleme durch den Staat selber verursacht werden.
Durch die illegale Nutzung von Handyverbindungsdaten im Rahmen der Dresdner Demos.
Durch viele grenzwertige Aktionen im Zusammenhang mit „Hartz IV“, zum Beispiel, dass Hilfeempfänger ohne deren Wissen in Jobbörsen eingetragen wurden (die notwendigen Daten hat der ARGE-Sachbearbeiter ja im Vorgang).
Oder z.B. durch einen Oberbürgermeister, der im Rat in öffentlicher Sitzung aus den Protokollen des Ordnungsamtes verlas, die diese nach einem Ruhestörungseinsatz gegen ein fraktionsloses Ratsmitglied fertigten und auch den Zustand der Wohnung und die Nachtkleidung des Mannes detailliert beschrieben.
Wenn jetzt die Spackeria von Datenschutz spricht, empfinde ich die benutzte Begrifflichkeit als eine amorphe Struktur aus dem klassischen Datenschutz gegenüber dem Staat und anderen zwischenmenschlichen Vertraulichkeitsgepflogenheiten.
Google+ hat da durch das Kreise-Konzept einige Diskussionen ausgelöst.
Michael Seemann (@mspr0) bemängelt beispielsweise, dass das Teilen von Beiträgen auf G+ eingeschränkt werden kann.
Es hat was mit Privacy zu tun, aber auch mit Umgangsformen. Auch wenn Michael sehr offen mit seinen persönlichen Life Facts umgeht – das mag partout nicht jeder. Aber dass diese Fakten weitergetragen werden ist nicht erst seit dem Internet so.
1988 hatte ich – drei Jahre nach dem Abi – einen schweren Autounfall. Das war an einem Freitag. Ich hatte kaum Kontakt zu meinen Abikollegen, da wir durch Wehr- und Zivildienst in alle Winde verstreut waren und uns nur zur Kirmes und bei Schulfesten noch sahen. Meine damalige Freundin war jedoch noch an der Schule und wir waren beide in der Theatergruppe.
Ein Jahr nach dem Unfall (ich war zum Glück nicht annähernd so schwer verletzt, wie es noch am Wochenende schien) war Schuljubiläum und ich erfuhr nicht nur, dass bereits am Montag nach dem Unfall etliche Abikolleginnen und -kollegen Bescheid wussten, sondern, dass viele sogar meinen – zugegebenermaßen nicht unauffälligen – Wagen kannten.
Das Weitertragen von Informationen ist also kein Phänomen des Internet. Wenn ich Willi erzähle, dass mein Chef doof ist, muss ich damit rechnen, dass er es Walther weitererzählt. Im Real Life wie im Internet ist dann meist irgendwann Schluss mit der Kette, spätestens, wenn Walther es jemandem erzählt, der weder meinen Chef noch mich kennt. Aber ich kann nicht ausschließen, dass es meinem Chef zugetragen wird.
Das Internet als soziales Medium ermöglicht mir (und meinem Chef) jedoch, die weitergetragenen Informationen überhaupt erst zu erkennen! So fiel mir durch die Google-Suche nach meinen persönlichen Daten (die ich als Suchauftrag zum Privacy-Schutz schon länger als Suchagenten definiert habe), dass ich in einem Jagdforum als Autor eines jagdkritischen Artikels in der BILD (sic!) gehandelt wurde. Nicht, dass ich plötzlich meine Meinung geändert hätte – aber mit der BILD werde ich ungerne in Zusammenhang gebracht.
Wir haben zwar für solche Informationen und wie man damit umgeht zwischenmenschnliche Konventionen, die sind aber nicht als Gesetze festgeschrieben.
Bei Google+ kann ich das Teilen eines Inhalts unterbinden, indem ich es deaktiviere. Das ist, wenn ich den Inhalt selber nur mit einem oder mehreren Kreisen teile, nichts anderes, als wenn ich ein „das bleibt aber unter uns“ dazuschreibe. Es ist eine Konvention, denn ich kann natürlich nicht verhindern, dass irgendeiner der Empfänger die Information per Cut&Paste à la Guttenberg öffentlich verbreitet.
Wenn ich nicht will, dass die falschen Leute die richtigen Dinge über mich erfahren, kann ich das im Internet und im RL nur auf eine Weise verhindern: Indem ich die Klappe halte.
Dabei sind wir wieder beim Datenschutz.
Wenn ich nicht will, dass Google meine Suchanfragen speichert und mir zuordnen kann, gibt es TOR, Incognito-Fenster in jedem Browser und sogar Suchmaschinen, die Google kapseln und uns unsichtbar machen.
Wenn ich nicht will, dass Mark Zuckerberg meine Daten verkauft, darf ich mich nicht bei Facebook anmelden.
Wenn ich nicht will, dass Amazon meine Lesegewohnheiten speichert, kaufe ich anonym beim Buchhändler um die Ecke.
Wenn ich verhindern will, dass der Staat meine Daten von mir haben will, hab ich kaum einen Hebel, da der Staat seine Spielregeln selber macht.
Auch dass der Staat Amazon, Google, Facebook oder meinen Telefonanbieter oder meine Bank zwingt, diese Daten rauszurücken, liegt am Staat und nicht an Amazon und Google.
Egal, wohin ich auswandern würde: Staaten sind neugierig und machen sich die Gesetze, die ihnen das Neugierigsein erlauben, selbst.

Was den Staat angeht bin ich ein Aluhut, und ich wette, die meisten aus der Spackeria auch.

Ansonsten halte ich mich einfach für einen erwachsenen, eigenverantwortlichen Bürger.

Warum also die Lagerbildung?

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13 Jahre zuvor

Die Spackeria als solche gibt es ja nicht. Die meisten argumentieren ganz genauso gegen den Staat wie du, z.B. Plomlompom und Christian Köhntopp. Viele sind aber extrem unternehmens- oder sagen wir, googlefreundlich und sagen: Warum soll Google nicht alles möglich über mich wissen: Staaten unterhalten Armeen und können mich in den Knast werfen, aber Google nicht. Dass eine solche Argumentation kreuznaiv ist mal beiseite – diese „große Fraktion“ in der Spackeria ist nicht gegen Datenschutz, sondern „datenschutzkritisch“. Die wollen weiterhin Datenschutz gegenüber dem Staat, aber dem Staat verbieten, Datenschutz im Internet zu regulieren. So nach dem Motto: Ich beleidige dich öffentlich und du sollst mich dann nicht verklagen und die Beleidigung aus dem Netz tilgen dürfen. Da kommt dann die kleine Fraktion der Spackeria ins Spiel, die sagen: Es sei eh sinnlos, Daten unterdrücken zu wollen, weil das Internet eine Kopiermaschine sei. Michael Seeman geht in seiner entworfenen Ethik so weit zu sagen, dass es unethisch sei, wenn du die Weitergabe eines Posts auf G+ unterdrückst, da ihm die volle „Filtersouveränität“ zustünde. Er postuliert also im Grunde, dass alle Daten grundsätzlich frei zu sein haben und eine Zurückhaltung von Daten ein unethischer Eingriff in seine Filtersouveränität sei. Wenn man ihn drauf festnageln will, sagt er, es sei nur eine „Utopie“ bzw. eine „Einladung zur Utopie“ — dass das ganze aber eben kein Gedankenspiel für ihn ist und er sich sehr wohl auf der politischen Ebene bewegt, sieht man an der o.g. Kritik. Hier grenzt er übrigens an die Datalove-Bewegung, die im wesentlichen dasselbe „predigt“, Daten mit Liebe gleichzsetzt und ansonsten mit der Spackeria nichts zu tun haben will – vermutlich weil die Spackeria in Mehrheit Datenschutz eben nicht ablehnt, sondern nur reformieren will. Wenn du an dieser Stelle denkst, dass das ganze in Ideologie, Esoterik und Religionsersatz abdriftet: Bingo! Ich habe mir den „Aluhut“ zwar nicht selber aufgesetzt, aber bleibe dabei, weil ich finde, dass hier ein paar Leute an einer durchaus gefährlichen Ideologie schrauben, viel zu viel Aufmerksamkeit in den Medien dafür erhalten und selber nicht einmal merken, was sie da tun.

13 Jahre zuvor

(Nebenbei: Jetzt musste ich schon 3x klicken, also Like, Flattr und +1 *g*)

[…] aus dem Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 1983. Ich hatte das hier mal näher erläutert und auch erklärt, wo der Unterschied ist zwichen staatlichen Datensammlern und Firmen wie […]