Kommt mal klar, Jungs.

Veröffentlicht von vk am

Ja, Euch meine ich. Ihr, die, wie ich, alte, privilegierte, weiße Männer seid. Die sich jetzt aufregen, dass man „Frauen kein Kompliment mehr machen kann“ und „vor dem Sex eine Einwilligung einholen muss“.

Mal im Ernst: Habt Ihr noch alle Latten am Zaun?

„Hihi, er hat Latte geschrieben.“

Harvey Weinstein ist kein „Bad Boy“, er ist höchstwahrscheinlich ein Serienvergewaltiger. Roman Polanski ist kein Opfer seiner missverstandenen Kunst, er hat nachweislich ein minderjähriges Kind sexuell missbraucht, inzwischen ist recht wahrscheinlich, dass es mehrere Fälle waren.

Sexismus ist Alltag.

Sexuelle Übergriffe wie die von Polanski und Weinstein wären ohne Alltagssexismus nicht (in dem Maße, in dem sie stattfinden und geduldet werden) möglich.

Ja, es gibt Frauen, die sich wehren können und gar nicht erst Opfer werden. Und auch, wenn sie sich jetzt derart äußern, dass „Frau einfach Frav Maga lernen solle“, sind sie die Minderheit und nicht repräsentativ.

Ja, und es gibt auch Männer, die Opfer werden, aber auch sie sind die Minderheit und keineswegs repräsentativ.

Und nein, es gibt keinen Sexismus von Frauen gegenüber Männern. Sexismus setzt, wie alle Diskriminierungen, ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer voraus. Wer also nicht in der Machtposition z.B. eines alten, weißen, privilegierten Mannes steht, kann kaum zum Täter werden.

Und natürlich darf man Frauen weiterhin Komplimente machen. Je nach Kontext halt.

Neulich las ich da einen sehr guten Tipp: Überlegt vorher, ob Ihr das gleiche auch einem Mann sagen würdet. Oder – noch besser – wie Anne Victoria Clark es auf medium.com schrieb:

Treat all women like you would treat Dwayne “The Rock” Johnson.

Wenn Ihr also in der Firma ein Meeting vorbereitet und Bettina (der möglicherweise einzigen Frau) das Kaffeekochen als Aufgabe übertragen wollt – dann dürft Ihr das, wenn Ihr das selbe auch ernsthaft mit Dwayne „The Rock“ Johnson machen würdet.

Wenn Ihr jetzt grinst: Dann lasst es, sucht einen Mann, der Kaffee kocht und fragt Euch, welchen Auftrag Bettina unabhängig von der Anzahl ihrer X-Chromosomen bekommen kann.

Und nein, niemand stellt anzügliche Blicke generell einer Vergewaltigung mit anschließendem Sexualmord gleich. Außer Euch, die das so in der Presse und sozialen Medien von den Frauen behauptet haben, die unter #metoo von Erlebnissen geschrieben haben, die nun einmal bei anzüglichen Blicken anfangen und mit der Vergewaltigung noch lange nicht enden.

Niemand wünscht sich ein „Kopf ab“, wenn ein Unbekannter einer Frau hinterher pfeifft, aber die Gesellschaft sollte ein solches Verhalten schon entsprechend sanktionieren. Als Gesellschaft. Also Ihr auch, Jungs.

„Aber viele Frauen inszenieren sich als Opfer.“

Lass mich mal etwas ausholen.

Du hast gerade mit Deiner neuen Binford-Kettensäge einige Äste der Chilenischen Araukarie in Eurem Garten entfernt. Dabei fiel einer der Äste herunter, auf Dein Schulterblatt, und da hast du jetzt mehrere tiefe, schmerzhafte Kratzer Fleischwunden.

Am nächsten Montag sehen wir uns im Büro und ich klopfe Dir, von den Wunden nichts ahnend, männlich auf die schwer verletzte Schulter.

„Au, du Idiot!“

„Jetzt hab Dich nicht so. War doch nett gemeint.“

Tut es nach meinem Spruch weniger weh? Nein? Woran könnte das liegen?

Vielleicht daran, dass ich gar nicht beurteilen kann, was Dir wie weh tut? Weil es Dein Schmerz ist und nicht meiner? Und weil es sich – zum Kuckuck! – genau deshalb nicht gehört, anderen Leuten ihre Schmerzen und Leiden in Abrede zu stellen?

So ist das auch mit Sexismus. Wenn eine Frau ein anderer Mensch sich von Dir beleidigt, diskriminiert, herabgesetzt oder aus anderen Gründen scheisse behandelt fühlt, dann ist das sein Empfinden, über das Du nicht zu urteilen hast.

Nimm die Information, lerne draus und versuch einfach, Menschen nächstes Mal nicht mehr zu beleidigen, zu diskriminieren, herabzusetzen oder sonstwie scheisse zu behandeln.

Angeblich sagte Konfuzius, dass der kluge Mensch aus seinen Fehlern lernt, der Weise aber aus den Fehlern anderer. Wenn Ihr weise sein wollt, dann lest mal beispielsweise das, was Ashley Winkler (hier im SPIEGEL wiedergegeben) zum Thema getwittert hat. Und den Blogpost von Katia Kelm. Beide beschreiben, durch welches Verhalten von (nicht zufällig) alten, weißen, privilegierten Männern sie sich scheisse gefühlt haben.

Katia schreibt unter anderem:

mag sein, dass es sich manche irgendwie so hindrehen können, tittenglotzende vorgesetzte als kompliment zu verstehen, aber wenn ICH es nunmal anders empfinde, warum kann jemand, sollte er sich tatsächlich in der behaupteten priviligierten situation befinden, soetwas „nicht erlebt“ zu haben, warum kann sojemand nicht einfach mal die fresse halten? warum muss man es unbedingt wegreden wenn leute versuchen, einen missstand zu beheben indem sie darüber sprechen?

Und falls Ihr da weitere Erklärungen zu braucht: Bildet Euch mal in Gewaltfreier Kommunikation weiter. Dazu gibt es sogar Bücher (Amazon-Partnerlink).

„Aber das alles ist doch so in unserer Stadt/Branche/Firma/Fachrichtung normal!“

Ja, das sagte Dustin Hoffman auch sinngemäß. Er hatte – so die ersten Vorwürfe – Frauen auf eine belästigende Weise behandelt.

Man habe damals, vor 40 Jahren, eben eine sexualisierte Humorkultur in der Branche gehabt. Das alles spiegle aber nicht wider, wer er, Dustin Hoffman, sei.

Mag sein, dass es damals üblich war. Mag sein, dass er heute anders ist. Aber damals war Dustin Hoffman halt so. Vor dem 18. Dezember 1865 war in den USA Sklavenhaltung legal. Das war halt so üblich. Dass es schon damals scheisse war, steht außer Frage, sonst hätte es kein gesetzliches Verbot gegeben.

Genau so ist das mit der „sexualisierten Humorkultur“ am Filmset vor 40 Jahren. Die war damals schon scheisse.

Und, wenn sowas, wie Ashley oder Katia beschreiben, in Deiner Stadt/Branche/Firma/Fachrichtung heute üblich ist, dann geh am besten davon aus, dass es schon heute scheisse ist, wie damals die „sexualisierte Humorkultur“ oder die Sklaverei. Die Frage, ob es schon aus heutiger Sicht scheisse ist oder nicht, beantworten nämlich gerade all die Frauen, die sich an #metoo beteiligt haben, mit einem klaren „Ja“.

Und nein, wir werden nicht aussterben, weil wir jetzt vor dem Sex die notariell beurkundete Einwilligungserklärung der Frau brauchen. Das ist nämlich bei uns nicht der Fall und auch in Schweden ist es eben genau nicht so. Dass ausgerechnet Der Postillon das einzige deutsche Onlinemagazin zu sein scheint, das da mal recherchiert hat, ist ein echter Treppenwitz des Patriarchats und Maskulinismus:

Warum ich das jetzt schreibe? Nein, ich bin kein besserer Mensch als Ihr. Ich bin mir auch – teilweise dank #metoo – nicht mehr sicher, ob ich nicht auch schon unbeabsichtigt Grenzen überschritten habe. Das fängt schon bei der Frage an, ob man eine Partybekanntschaft alleine deshalb mit Bussi auf die Wange begrüßen darf, weil es in der Peergroup so üblich ist.

Rückblickend bin ich mir nicht sicher, ob das so ist. Rückblickend bin ich mir sogar sehr sicher, dass auch ich Dreck am Stecken hab. Hey, ich war drei Jahre Zeitsoldat. Wenn Ihr mal echten Sexismus hören wollt, dann setzt Euch in den Aufenthaltsraum einer beliebigen Kaserne! Ja, auch heute, trotz der steigenden Zahl von Soldatinnen.

Und ich schreibe das, weil Katia Kelm im oben verlinkten Blogpost auch das hier schrieb:

ich bin (wie die meisten meiner weiblichen bekannten) mein ganzes leben immer und überall mit pimmel-hinhaltern konfrontiert gewesen und es macht mich fassungslos, dass garnicht wenige leute aus meinem persönlichen bekanntenkreis sich lieber über „hysterischen“ metoo-frauen aufregen als über ihre pimmelschwenkenden geschlechtsgenossen.

Ja.

Ich rege mich über übergriffige Geschlechtsgenossen auf.

Und ich fürchte, dass Ihr, Jungs, mir eher zuhört als einer Frau.

Was blöde ist, denn die Sichtweise einer Frau zu anzüglichen Sprüchen, sexualisierten Witzen und anderem Scheiss bis hin zum Märchen, dass das Nein einer Frau eigentlich Ja bedeutet, die kann Euch eine Frau viel besser und aus erster Hand erklären, als ich.

Also los, lest das, was Frauen unter #metoo und an anderer Stelle berichten. Versucht wenigstens mal, Euch empathisch in die Person hinein zu versetzen, die von einer emotionalen oder gar körperlichen Verletzung berichtet.

Und völlig egal, ob Ihr vorher ahnen konntet, dass bestimmte Verhaltensweisen verletzend oder herabwürdigend sind. Wir, die Tüpen mit Y-Chromosom, die (mehr oder weniger) alten, weißen, privilegierten Männer, haben jetzt die Chance, dazu zu lernen und die Welt besser zu machen.

Und keiner von uns will in 40 Jahren vorgehalten bekommen, dass er heute scheisse war.

Kommt mal klar, Jungs.

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_Flin_

Bei „weisser privilegierter Mann“ aufgehört zu lesen. Weil Sexismus. Rassismus. Verallgemeinerung. Und nicht meine geistige und moralische Flughöhe, sondern nur Echokammergetröte.

Alterweiissermann

Ist euch „progressiven“, moralisch grundsätzlich auf der richtigen Seite stehenden Supermenschen eigentlich klar, dass ihr mit eurem andauernden, sexistischen Alterweissermannkanngarnichtdiskriminiertwerden-Gefasel gerade das, was in den letzten Jahrzehnten an Gleichstellung erreicht wurde, mit dem Arsch wieder einreisst?

Ich beantworte die Frage mal. Ich glaube, euch ist das bewusst. Es ist euch aber egal, weil es euch gar nicht um Gleichstellung geht, sondern um eure eigene moralische Überhöhung. Es ist erbärmlich.

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