Haltungsstörungen bei der Tagesschau

Neulich schrieb ich noch, dass die öffentlich-Rechtlichen Sender mit ihrer Neutralitätspflicht ein Geschenk seien in einer Zeit, in der private Sender sogar die Reichweite ihrer Nachrichtensendungen durch emotionsgeladenen und vorurteilsbehafteten Bullshit pushen wollen. Allerdings begründet die Neutralität nun nicht den Verzicht auf journalistische Sorgfalt, den die Tagesschau der ARD aktuell betreibt.

Als Staatsmedien und Merkelfunk werden die öffentlich-rechtlichen Sender von Rechten bezeichnet und sind in der Zwickmühle: Wenn sie beispielsweise kritisch über die AfD berichten, Rassismus oder Nationalsozialismus in diesem Zusammenhang als solche benennen, dann kriegen sie die gesamte Hetze der scheinbar angegriffenen Gruppen ab. Das hat das Overton-Fenster schon ganz ordentlich verschoben, und es wird immer schlimmer.

Die Tagesschau, die mit ihrem Faktenfinder eigentlich sehr gute und durch ihre anerkannte Seriösität auch effiziente Arbeit gegen rechte Lügengebäude macht, zeigt in der regulären Arbeit aber aktuell Mängel, die sowohl journalistisch disqualifizieren als auch eine schwache Haltung gegen Feinde der demokratischen Ordnung, der die ARD selber entsprungen ist, zeigt.

Da ist Mesut Özil als Nationalspieler zurückgetreten. Ob er in den letzten Jahren ein guter Spieler war oder nicht – geschenkt, ich bin kein Fußballfachmann. Die Tagesschau schreibt darüber einen Bericht ins Internet.

Ja klar, das Foto mit Erdogan war unsäglich, aber die Art und Weise, wann und wie „Kritik“ daran geübt wurde, ist noch unsäglicher. Bis hin zu Uli Hoeneß. Der hat zwar mit 22 auch einmal einer Weltmeistermannschaft angehört, aber die Kritik, Özil sei ein „Alibi-Kicker“ oder habe „die letzten Jahre den größten Dreck gespielt“ ist nicht sachlich und neutral. Aber Hoeneß kennen wir ja: Großmaul, wenn es ihm gut geht, weinerliches Opfergejammere, wenn er erwischt wird.

Interessant ist die Reaktion des DFB-Chefs Reinhard Grindel. Schaut man mal auf seiner Wikipedia-Seite nach, dann liest man, dass er auch fast 15 Jahre im Bundestag saß und dort als Zuwanderungs- und Multikulti-Gegner auftrat. Zudem sind seine Verhandlungs- und Führungsmethoden alles andere als unumstritten:

Vom Spiegel wurde Grindel 2016 in einem Artikel über sein Verhalten vor der Wahl zum DFB-Vorsitzenden große Jovialität und knallharte Ellenbogenmentalität zugeschrieben, ferner sah man ihn dort als jemanden, der seinen Willen mit bösen Briefen, ruppigen Telefonaten oder Drohungen durchsetzt. Selbst bei banalen Vorgängen hätte er massiven Druck ausgeübt. Er sei beschrieben worden als meinungsflexibel und immer dann nachgebend, wenn es ihm persönlich nutze. Da er politisch eher Horst Seehofer (CSU) als Angela Merkel (CDU) nahe stehe und deshalb meist die Probleme der Zuwanderung betonte, würde er die Integration von Migranten in den DFB eher nicht fördern.

Was schreibt die Tagesschau dazu?

„Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“, schrieb Özil. Er fühle sich vom Fußball-Bund und vor allem dessen Präsident Grindel schlecht behandelt. „Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen“, betonte Özil an die Adresse von Grindel.

Dass Grindel eben ein Rechtsausleger der CDU ist und ganz offensichtlich nur darauf gewartet hat, einen Spieler mit Migrationshintergrund wegen irgendetwas kritisieren und unter Druck setzen zu können, wird nicht berichtet. Für die meisten Fußballfreunde wird Grindels politischer Hintergrund sich mit „Ist halt CDU“ erschöpfen. Hier fehlt ein Teil der Berichterstattung, der den LeserInnen die Chance gibt, Grindels Agieren gegen Mesut Özil richtig in den Grindel-Kontext einzuordnen.

Wie gesagt: Ohne einen Hinweis auf den politischen Hintergrund von Grindel hätte ich nicht Wikipedia befragt, wäre nicht dahinter gekommen, dass hier ein langjähriger rassistischer Ausländerfeind ein Seehöferchen aufgestoßen hat.

Der Auftrag einer ausgewogenen Berichterstattung ist aber, einzuordnen, und in diesem Fall Grindel.

Noch schlimmer ist aber das Sommerinterview mit AfD-Chef Meuthen.

Meuthen, der sich dem „gemäßigten“ Flügln der AfD zuordnet und eher mit Positionen von Lucke als denen von Höcke aufgefallen ist, ist eben eines: AfD-Vorsitzender. Und die AfD hat mit Gauland, Höcke, Poggenburg, von Storch und etlichen anderen Politiker in der ersten Reihe, die verdammt nahe an Holocaustleugnungen, Schießbefehlen an den Grenzen, Nazi-Rassenlehre und verschwörungstheoretische Reichsbürgerideologie heranreichen.

Meuthen wird nun gerne als der gemäßigtere AfDler dargestellt, mit dem man mitunter auch diskutieren kann, aber man darf eben nicht vergessen, wer diesen Mann als den „guten Cop“ nach vorne schickt: Eine rassistische, antisemitische, homofeindliche Neonazipartei.

Insofern sind die Aussagen von Meuthen, wenn er als AfD-Vorsitzender interviewt wird, eben als AfD-Aussagen zu bewerten und zu hinterfragen.

So wird Meuthen im Interview zitiert:

„Wir müssen unsere Außengrenzen so wirksam schützen, dass wir genau prüfen, wen wir reinlassen und wen nicht“, sagte Meuthen. Nur so könne die illegale Migration gestoppt werden. Die privaten Hilfsorganisationen mit Seenotrettern im Mittelmeer setzten falsche Anreize.

Dass Hilfsorganisationen, die Menschen in Seenot retten, eben keine Anreize setzen, über das Mittelmeer zu fliehen, ist nun inzwischen eine Binsenweisheit. Die Fliehenden versuchen, den Zuständen in nordafrikanischen Staaten zu entkommen. Libyen wurde 2011 in der Form „befreit“, dass sämtliche staatlichen Strukturen zerschlagen wurden. Im Ergebnis ist die dortige Küstenwache ein bestechlicher und korrupter Haufen, der mit den Schleppern zusammenarbeitet. Erst diese Woche wurde berichtet, dass die Küstenwache ein Flüchtlingsboot „gerettet“ habe, aber völlig grundlos einige Menschen im Boot zurück und damit sterben ließ.

Ok, es wird schon einen Grund gehabt haben, aber eben keinen, den wir akzeptieren würden, vielleicht hatten die Zurückgelassenen einfach nicht ausreichend Geld und Wertsachen, um die Küstenwache zu schmieren.

Diese Diskussion und der Bezug auf sie, in der das Sagbare schon unerträglich in Richtung AfD-Terminologie verschoben wurde, muss von einem neutralen Medium hinterfragt und angeprangert werden.

Wir brauchen einen wirksamen Außengrenzenschutz, damit die Zuwanderung, die wir haben, eine legale ist. Was wir im Moment haben ist eine illegale Massenmigration, das ist ein Zustand, den können die Staaten Europas auf Dauer nicht schultern. (Meuthen im dem Sommerinterview)

Zwar wird die Rückfrage gestellt, ob er (wirklich) meint, dass Asylanträge in Ländern außerhalb der EU realistisch möglich wären, in denen es eben keine rechtsstaatlichen Strukturen wie bei uns gibt. Er glaube, dass das möglich sei, antwortet er. Mit den AfD-typischen Phantasien einer Masseneinwanderung nach Europa kommt er aber durch, und die Behauptung, wir würden Flüchtlinge zu uns holen, wird auch nicht hinterfragt.

Und wenn man das nur oft genug unwidersprochen hört, dann wird es geglaubt.

Tatsächlich beruft er sich später im Interview auf den „Erfolg“ der australischen Politik, die Flüchtlinge per Boot nicht mehr anlegen lässt. Ergebnis: Niemand ertrinkt mehr. Wobei er nur die halbe Wahrheit sagt: Tatsächlich werden entsprechende Boot weit vor der Küste Australiens abgefangen und die Menschen auf Inseln interniert. Schon vor zwei Jahren titelte die Zeit „Einmal australische Hölle – und kein Zurück„:

2013 erreichten noch 20.000 Flüchtlinge Australiens Küste, inzwischen kommen nur noch vereinzelt Boote an, wie Hilfsorganisationen bestätigen. Die Abschreckung scheint zu funktionieren – mit menschenunwürdigen Mitteln. Europäische Politiker hielten bis vor Kurzem die „australische Lösung“ für eine gute Idee.

Die Zustände in den Lagern sind furchtbar:

Auf Nauru werden vor allem Kinder zu Opfern. Sie werden geschlagen und misshandelt, wie die Berichte zeigen: In einem Fall habe ein Wärter einen Jungen am Hals gepackt, seinen Kopf auf den Boden gedroschen und einen Stuhl auf ihn geschleudert. Ein anderer soll Kindern erlaubt haben, länger zu duschen, wenn sie zu sexuellen Gefälligkeiten bereit waren.

Zustände, die zur Suiziden führen:

Einige schlitzten sich die Handgelenke auf, zwei zündeten sich an, manche tranken Putzmittel, einer schluckte Steine, andere hängten sich auf. Manche sterben, viele werden gerettet – gegen ihren Willen. Sie wollen noch einmal fliehen, diesmal in den Tod.

Meuthen bezieht sich im Interview auf diese Methodik, die „illegale Migration“ zu verhindern, ohne, dass das journalistisch auch mit nur einem Wort hinterfragt wird.

Das, liebe Tagesschau, ist kein Journalismus.

Journalismus wäre es, wenn Ihr nachhaken würdet. Die „Massenmigration“ kann man hinterfragen. Meuthen soll Zahlen nennen! Entwicklungen beschreiben! Zahlen lassen sich bestätigen oder widerlegen, das wäre Eure Aufgabe. Ihr müsst den Kontext liefern, in den Meuthens Aussagen gesetzt werden.

Wenn Meuthen bei der aktuellen Wetterlagen mit vertrockneten und brandgefährdeten Wäldern von dauerndem Starkregen als zu größte Bedrohung -geredet hätte – hättet Ihr das auch stehen lassen? Oder hättet Ihr aus dem Fenster oder auf den Wetterbericht geschaut und hinterfragt, warum er so dummes Zeug redet?

Und das Problem ist nicht, dass er dummes Zeug redet. Meuthen ist intelligent und er ist in den Medien der Kuschelbär der AfD. Er normalisiert die krassesten Aussagen seiner ParteikollegInnen und redet die dreistesten Provokationen klein.

Meuthen, liebe Tagesschau, ist der Mann, der die AfD normal aussehen lassen soll, und Ihr helft ihm dabei. Zeigt – um Gottes Willen! – Haltung und nehmt ihn und seine Partei zukünftig in die Pflicht, ihre Behauptungen zu belegen, ordnet sie in den richtigen Kontext ein, und stellt sie dadurch als das dar, was sie objektiv sind:

Ewig gestrige nationalistische Rassisten.

 

 

 

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