Montage sind die Arschlöcher unter den Wochentagen. Klar. Wenn Montagabend dann irgendwas anfängt, höllisch zu schmerzen, um so mehr.

Seit dem 13.3.2020 bin ich aus Coronagründen überwiegend im Homeoffice. „Überwiegend“ bedeutet, dass ich seit dem nur eine Hand voll Tage in der Firma verbracht habe. Die Büros dort sind allerdings dank Homeoffice so leer, dass es auch dort keine Infektionsrisiken gab.

Die Reizarmut ist ein Problem, das ich im Homeoffice sehe, die fehlende Bewegung auch, weil ich Kolleg:innen, zu denen ich sonst mal schnell rübergehen würde, heute ohne große körperliche Bewegung anrufe. Der Kühlschrank, in dem nicht 99% des Inhalts anderen Kolleg:innen gehört, ist auch keine so tolle Sache.

Am Kühlschrank gilt daher Disziplin, die mangelnde Bewegung gleiche ich nach Dienst mit dem Hund aus (und komme auf meistens 10.000 Schritte am Tag).

Mein Kryptonit, wie sich herausstellte, ist jedoch, dass hier zu wenig trinke.

Während ich in der Firma täglich mindestens drei Flaschen aus meinem Soda-Sprudler leere (also fast drei Liter) plus Kaffee plus dem, was ich zu Hause trinke, komme ich hier auf maximal eine Flasche.

Am ganzen Tag. Plus zu viel Kaffee, der zwar harntreibend ist, aber eben mit nur wenig Flüssigkeit. Das erhöht die Konzentration der harnpflichtigen Stoffe im Urin schon immens. Dadurch kristallisieren etliche Substanzen aus, und wenn sie mangels Spülung länger in der Niere bleiben, könne die Kristalle groß werden. Was mir bis letzten Montag noch nicht so anschaulich klar war.

In der vorletzten Woche war ich mies gelaunt. Am Sonntag hatte ich (das zweite Mal dieses Jahr, und es war erst Februar) das Gefühl, eine Blasenentzündung zu bekommen. Nach dem Urinieren brannte es. Man wartet dann sehnsüchtig, bis sich wieder drei Tropfen gesammelt haben, um das, was brennt rauszuspülen. Aber es wird meist noch schlimmer, man wartet also wieder und wieder und irgendwann klappt es und man muss nicht mehr jedes Mal, wenn man an einer Toilette vorbei kommt, direkt wieder dorthin.

Das ging schnell vorbei und ich dachte, ich sei nochmal um Probleme rum gekommen, zum Arzt muss ich deshalb erstmal nicht.

Während der Woche war ich gereizt, was durch einige sehr krumme Supportfälle und zwei Ausschusssitzungen, bei denen ich ungeplant einspringen musste, nicht unbedingt besser wurde.

Über das folgende Wochenende wurde es besser. Jedenfalls die Stimmung.

Montag nach Dienst war die Blasensache wieder da. Zefix.

Ich wollte mit dem Hund gehen, statt der üblichen 7000 Schritte, die Nachmittags meistens zusammenkommen, schaffte ich keine 4000. Da war dieses anhaltende Gefühl, pinkeln zu müssen, damit man sich nicht in die Hose macht. Das dann zu einem immer wieder kurz stechenden Schmerz wurde.

Zu Hause wurde aus dem immer wieder stechenden Schmerz ein dauerhaft stechender Schmerz, den ich zuerst in der Gegend des Schambeins lokalisierte. Mit jedem Toilettenbesuch verschob er sich weiter nach rechts; Mittlerweile dachte ich an eine Verstopfung, irgendwas im Dickdarm, das groß und massiv ist und sich gerade in der Gegend des Blinddarms vorbei schiebt.

Ich aß ein Viertel Pizza, die noch von Mittags übrig war, und trank O-Saft. Beides sollte eigentlich Bewegung in den Darm bringen.

Der Schmerz wurde indes schlimmer.

19:00

„Ist das vielleicht Dein Blinddarm?“ fragte meine Frau. Ausschließen konnte ich das nicht. Die Stelle des Schmerzes stimmte.

19:10

Ich sitze vor dem Sofa, Schweiß auf der Stirn, stehe auf, laufe hin und her, dann ins 2. OG ins Büro. In 20 Minuten ist virtuelle Fraktionssitzung.

19:15

Im Gedanken an die Sitzung stelle ich fest: Geht nicht. ich werde vor Schmerzen nicht mitmachen können. Gehe dringend auf die Toilette. Melde mich von der Sitzung per WhatsApp ab.

19:25

Meine Frau holt den Autoschlüssel, ich fahre den Computer runter und schalte im Büro alles aus, greife mein Handy (35% Akku) und zieh mir Jacke und Schuhe an. Zubinden der Schuhe geht nicht, ich kann mich nicht ohne Schmerzen nach vorne beugen.

19:30

Vor Schmerzen wird mir übel. Ich öffne das Fenster der Beifahrertür, um Frischluft zu bekommen.

19:35

Wir sind fast in Kempen. Das Fenster ist längst wieder zu, weil die Gerüche von draußen die Übelkeit verschlimmert haben.

19:45

Ich stehe an der Notaufnahme der Klinik zum Heiligen Geist in Kempen. Nach Erfassung meiner persönlichen Daten fragt die Krankenpflegerin:

„Was haben Sie für Schmerzen?“ Meine Gesichtsfarbe, der Schweiß auf der Stirn und die Körperhaltung wären für jeden Laien eindeutig gewesen.

„Unterleibsschmerzen, seit einer Stunde.“

„Eher links oder eher rechts?“

„Inzwischen rechts.“

„Blinddarm haben Sie noch?“

„Ja.“

„Sind die Schmerzen eher vorne oder eher hinten?“

„Mittlerweile deutlich hinten.“

Sie reicht mir einen Becher.

„Ich hätte gerne eine Urinprobe von Ihnen. Die Toilette ist da hinten, mit der Probe gehen Sie bitte ins Zimmer mit dem T auf der Tür. Da komm ich dann gleich mit Schmerzmitteln zu Ihnen. Ich alarmiere direkt einen Urologen, Sie haben vermutlich einen Nierenstein, der raus will.“

Im Zimmer mit dem T (das übrigens für Triage steht) bekam ich eine Infusion mit Ibuprofen. Intravenös wirkt dieses Schmerzmittel übrigens wie eine Maß Starkbier auf Ex: Irgendwie ist einem komisch im Magen, aber hey, alles wird plötzlich so lustig und rund und weich.

Der Urologe kam, nach weniger als 15 Sekunden Gespräch, entschuldigte er sich und holte ein Ultraschallgerät von Nebenan. Linke Niere ist ok, rechte leicht gestaut, Harnleiter der Niere bis kurz vor der Blase dicker, als er sollte. Sieht nach einem Stein aus.

Ich bezog ein Bett in einem Zweibettzimmer der Klinik, bekam nochmal Ibuprofen, damit ich die Nacht überstehe. Am nächsten Tag sollte ich nüchtern in die Computertomographie, damit man besser sehen kann, was alles los ist.

Bis dahin bekam ich Urinfilter (man stelle sich Kaffeefilter vor, bei denen unten ein sehr feines Kunststoffsieb das Papier ersetzt). Mit Glück käme der Stein ohne Hilfe durch, dann wäre es toll, wenn ich ihn auffangen könnte, damit man im Labor feststellen kann, welche Nahrungsmittel ich vielleicht in Zukunft nicht mehr ganz so häufig zu mir nehmen sollte.

Ich war bis Mitternacht ungefähr viertelstündlich auf der Toilette. Long Story short: Kein Stein.

Die Computertomographie war meine zweite, die letzte war 1988, damals waren die Geräte noch riesige, sehr laute Backröhren. Das moderne Gerät war nur noch eine Art Stargate, durch das man mit einer motorisierten Liege geschoben wird.

„Bitte tief einatmen und die Luft anhalten!“ Die Liege schob meinen Unterleib einmal durch das Stargate.

„Jetzt weiteratmen.“

Das ganze wurde dann nochmal in entgegen gesetzte Fahrtrichtung gemacht.

Tatsächlich war es ein Nierenstein, erführ ich auf der Visite, die kurz nach der Tomographie stattfand. Der sei auf den Bildern unübersehbar. Andere Steine würde man glücklicherweise nicht sehen, die Urinprobe vom Vortag sei allerdings voller Harngrieß.

Man würde mich auf dem OP-Plan dazwischenschieben und den Stein endoskopisch entfernen. In 80% der Fälle sei das bei dieser Position gar kein Problem, in 15% etwas knifflig und in lediglich 5% müsse man dann auf andere Methoden ausweichen: Erstmal viel Flüssigkeit per Infusion, Krampflöser, Schmerzmittel und zu Beispiel Treppenspringen, um den Stein in Bewegung zu versetzen. Könne allerdings dauern.

Nach der OP bekäme ich eine Schiene (genau genommen einen Silikonschlauch mit Löchern in der Wand) von der Blase bis in die Niere geschoben, die den Abgang weiterer Feststoffe erleichtert. „Jeder hat Grieß im Urin“ sagte der Urologe schon bei der Aufnahme. Die Schiene würde dann nach einiger Zeit ambulant wieder entfernt.

Gegen 11 war ich mit der Endoskopie an der Reihe. Die Anästhesistin war lustig (was ich sehr gut fand). Sie las den Bogen mit meinen Daten.

„Oh, Sie sind Katzenallergiker.“ sagte sie. „Schickt Ihr bitte die Katze aus dem OP?“ rief sie nach hinten.

Wir scherzten – sie wusste gar nicht, dass das ein Running Joke aus einem Steve Martin Film war – und sie meinte dann, dass ihr im Notarztdienst Patient:innen mit Nierenkolik mit die liebsten seien: „Die diskutieren nicht, in welche Klinik man sie bringen soll, die wollen einfach nur Schmerzmittel und Hilfe.“

Äh, ja, kann ich betätigen.

Nach der Endoskopie blutete und brannte es beim Wasserlassen, was vorhersehbar war. Ich gehörte zu den 15% Patient:innen, bei denen es etwas kniffliger war, weil der Harnleiter zur Niere hin sehr eng ist und erst aufgedehnt werden musste.

Der „Stein“ war erschreckend klein, keine 2mm, was aber zum engen Harnleiter passt. Laut Wikipedia würden Steine bis 6mm spontan abgehen. Beim Gedanken an die Schmerzen kriege ich noch jetzt Schweißausbrüche.

Dieser Krümel wird gerade im Labor untersucht, um herauszufinden, woraus er besteht. Da ich kein Fieber bekam, war ich Donnerstag Vormittag wieder zu Hause (und kam wieder auf 10.000 Schritte).

Ich trinke nun brav mindestens drei Liter am Tag und warte darauf, dass der Bericht aus der Pathologie, was denn nun für einen Stein ich hatte, beim Hausarzt vorliegt. Dann reden wir darüber, ob und was ich an meiner Ernährung verändern sollte. Da Harnstoff im Blut zu Nierensteinen führen kann und ich für einen Vegetarier recht hohe Werte habe, tippe ich auf Natriumurat als Hauptbestandteil.

Nächste Woche wird dann noch ambulant die „Schiene“ (also der Silikonschlauch) entfernt.

Dieser Schlauch. Ein Thema für sich.

Ok, der dient dazu, den Harnleiter weit zu halten, damit Patient:innen eventuelle weitere Steine und Harngrieß – also Kristalle, die noch nicht zu sichtbaren Stein geworden sind – möglichst gut los zu werden. Die Symptome, die ich in den letzten Wochen auf eine vermutete Blasenentzündung geschoben habe, passen überraschenderweise auch zum vermehrten Abgang von Krempel aus der Niere.

Krempel, der so klein ist, dass er den Harnleiter passiert, aber dennoch so groß und scharfkantig, dass er in der Harnröhre nervt, insbesondere, wenn er vom Schließmuskel in die Schleimhäute gedrückt wird.

Meine „Ey, krieg ich ne Blasenentzündung?“-Momente der letzten Jahre waren wohl überwiegend Harngrieß, der in den letzten 12 Monaten, in denen die Konzentration seiner Rohstofe im Urin mangels ausreichender Flüssigkeitszufuhr deutlich höher war, auch mal zur Größe eines Steins gewachsen ist.

Der Schlauch führt nun zu weiterer Erkenntnis.

Einmal überbrückt er den Abschluss des Harnleiters. Eigentlich geht der zu, wenn man pinkelt. Beim Pinkeln drückt man die Blase – die nichts als ein Muskel ist – zusammen, um sie zu entleeren. Jetzt, mit dem Schlauch, drückt dabei der Urin aus der Blase zurück in die Niere.

Es tut also weh (woran man sich gewöhnt).

Dann zieht der Schlauch bei manchen Bewegungen, was auch zu geringen Blutungen führen kann (der Urin ist dann beispielsweise orange).

Und dann hatte ich seit einem Krankenhausaufenthalt mit Anfang 20, wo mir der Blinddarm schließlich doch nicht entfernt wurde, immer die damalige Aussage des Arztes im Kopf, dass ich vermutlich zu Blinddarmreizung neigen würde. Das sei nicht wild, man dürfe nur halt nicht eine echte Entzündung verschleppen, bei der das Risiko, dass der Blinddarm darstellt, schließlich das Risiko der Operation übersteigt.

Ein leichtes Zwicken rechts im Unterleib hab ich daher immer als „schöne Grüße vom gereizten Blinddarm“ interpretiert. Dieses Zwicken hab ich bei bestimmten Bewegungen jetzt immer wieder. Und ein Blick auf die Anatomie des Urogenitaltraktes zeigt mir: Das ist der Harnleiter der rechten Niere. Und zwar schon immer gewesen.

Ich hatte also schon immer mal Mengen Harngrieß, die aus der rechten Niere kamen und im Harnleiter mal kurz einen Stau verursacht haben.

Während ich das hier korrekturlese ist es fast 13 Uhr und ich habe beinah 2 Liter getrunken.

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Kategorien: Allgemein

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