Gib mir Zahlen – haben wir durch Flüchtlinge Kriminalitäts- und Gewaltexzesse?

Zahlen sind stabil. Mathematik lügt nicht. Wenn wir Zahlen liefern, die unsere Behauptungen belegen, haben wir Recht. Glauben wir wenigstens. Dabei ist das alles etwas komplizierter. Zahlen können nämlich täuschen und sogar lügen. Insbesondere die der PKS.

Für die re:publica 2017 hatte ich ein Panel mit diesem Thema angemeldet, das leider nicht angenommen wurde. Da ich das Thema für wichtig halte, will ich daher bei aktuellen Anlässen darüber bloggen.

Aktuell ist derzeit die Frage, ob Flüchtlinge (oder Migranten, wie sie zur Delegitimierung ihrer Anwesenheit bei uns von Rassisten genannt werden) nun krimineller sind als Deutsche oder nicht.

Kurz: Verwandelt Deutschland sich durch die Aufnahme von Menschen, die aus

t-online: Deutlicher Anstieg bei Sex- und Gewaltdelikten

t-online: Deutlicher Anstieg bei Sex- und Gewaltdelikten

ihrer Heimat geflüchtet sind, in ein Ghetto voller Gewalt und Verbrechen?

Neulich, auf t-online, wurde das bestätigt. Sogar mit Zahlen. Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik, kurz PKS.

“Mehr als 7900 Vergewaltigungen registrierte die Polizei im Jahr 2016.” lautet die Bildunterschrift. Obwohl jede Vergewaltigung eine zu viel ist, müssen wir uns die Dimension vor Augen halten. Im Text des Artikels steht:

Gravierend sei auch der Anstieg der Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Hier gebe es laut Statistik eine Zunahme von 12,8 Prozent auf mehr als 7900 Fälle.

Polizeiliche Kriminalstatistik 2016

Polizeiliche Kriminalstatistik 2016

Die genaue Zahl von 7.919 findet sich in der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2016. Aus derselben Quelle, bloß etwas tiefer auf der Website, entnehmen wir sogar eine Zeitreihe, also die Entwicklung des Delikts über die Jahre.

Zahlenreihe aus der PKS

Zahlenreihe aus der PKS

Man sieht, dass sich seit Beginn der Zeitreihe in den 1980ern die Definition und damit die Anzahl der in die in diese Kategorie fallenden Delikte geändert hat. Seit 1999 ist die Definition jedoch “Vergewaltigung und Sexuelle Nötigung” und die Werte sind verleichbar.

Um Zahlen zu vergleichen bieten sich Diagramme an. Ich habe aus der Entwicklung der Delikte der Kategorie 1110000 – Vergewaltigung und Sexuelle Nötigung nach § 177 StGB – von 1999 bis 2016 ein solches Diagramm angefertigt.

Wir sehen, dass es tatsächlich von 2015 nach 2016 einen etwas sprunghaften Anstieg gibt, aber gemessen mit 2012 ist die Zahl etwas (1,3%) und im Vergleich mit 2004 ganz gehörig, nämlich um 10%, gesunken.

Abgesehen davon, dass der Anstieg von 2015 nach 2016 sogar etwas steiler ist als der von 2001 nach 2002, hält sich der Wert absolut im Rahmen der üblichen Schwankungen, die derartige statistische Werte nun einmal haben. Und eine plausible Erklärung für den steilen Anstieg liefert der Text auf t-online sogar selber:

Allein in der Silvesternacht 2015/2016 hatten nach sexuellen Übergriffen in Köln und anderen deutschen Städten Hunderte Frauen solche Taten zur Anzeige gebracht.

Denn genau das spiegelt die PKS wider: Die unmittelbar bei der Polizei zur Anzeige gebrachten Straftaten. Und die sind insbesondere bei Sexualdelikten keine saubere Repräsentation der Gefährdungslage. Wie ich schon letztes Jahr schrieb: Die Dunkelziffer ist mit 95% enorm hoch,

Durch die Geschehnisse insbesondere in Köln ist aber der Fokus verändert worden. Ich hoffe stark, dass Frauen sich durch die öffentliche Diskussion des Themas heute in mehr als nur 5% der Fälle trauen, Anzeige zu erstatten.

Im Jahr 2015, das bislang die geringste Zahl an Strafanzeigen wegen Vergewaltigung in der Geschichte der PKS aufzuweisen hat, gab es bei 7022 Anzeigen und einer wissenschaftlich belegten Dunkelziffer von 95% insgesamt ca. 140.440 Vergewaltigungen.

Der Anstieg der Strafanzeigen um 897 im Jahr 2016 spiegelt zwar einen Anstieg von 12,7% bei den Strafanzeigen wider. Bei gleich gebliebener Anzahl der Delikte jedoch entspräche er lediglich 0,6% der tatsächlichen geschehenen Straftaten.

Der Anstieg kann also – genauso valide wie durch den Anstieg der Delikte – durch einen Anstieg der Anzeigebereitschaft der Opfer um 0,6% erklärt werden.

Das gleiche gilt auch für Gewaltdelikte

Eine ähnliche Aussage zeigt sich bei Visualisierung der Gewaltdelikte.

Gewaltdelikte seit 1987

Gewaltdelikte seit 1987

Es gibt einen Anstieg von 2015 nach 2016, aber auch der liegt noch im Rahmen der Schwankungen der letzten 10 Jahre. Ein ähnliche krasser Anstieg findet sich von 1992 auf 1993 (also zwei Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands).

Auch hier ist heute die Frage noch gar nicht zu beantworten, ob es schlimmer wird oder ob es – wie 1993 – ein statistischer Ausreißer war.

Ganz besonders unsinnig ist dann im Artikel aber folgende Aussage:

Besonders stark zugelegt hätten dabei Fälle von Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen. Sie nahmen um 14,3 Prozent auf gut 2400 Fälle zu, wie die “Bild” unter Berufung auf die neue Polizeiliche Kriminalstatistik berichtet […]

Schauen wir mal in die Zeitreihen:

Ganz offensichtlich sind im Jahr 2015 nur Mord und Torschlag zu einem gemeinsamen Posten in der PKS geworden, seit 2016 ist in der Zahl auch die “Tötung auf Verlangen” enthalten.

Wer hier einen Anstieg von mehr als 10% feststellt hat schlicht Äpfel mit Birnen verglichen.

Wir stellen also fest:

Endzeitszenarien in Form von Kriminalitätsexzessen durch Flüchtlinge sind anhand der PKS des Jahres 2016 eben genau nicht festzustellen. Die Anstiege sowohl der Vergewaltigungen und Sexuellen Nötigungen als auch der Gewaltdelikte liegt im Rahmen der üblichen Schwankungen.

Bei den Sexualdelikten kann der Anstieg wegen der hohe Dunkelziffer schon durch eine um 0,6% höhere Anzeigebereitschaft der Opfer zustande kommen. Bei den Gewaltdelikten ist eine Aufschlüsselung nach Deliktarten erforderlich, da auch ein Anstieg rechter Gewalt – sogar auf den PEGIDA-Demos und ihren Nachahmern – festzustellen ist.

Gewalt- und Kriminalitätsexzesse sind auf Basis der amtlichen Zahlen nicht im Ansatz zu erkennen, was natürlich auch die Frage, durch wen sie verursacht werden, unsinnig macht. Das einzige, was sich seit 2014  gravierend geändert hat, ist die Sichtbarkeit von Delikten, die möglicherweise durch Fremde begangen wurden, in den Medien.

Wir müssen uns also nicht auf Ausnahmezustände vorbereiten, statt in Bunker und Konserven können wir unser Geld ruhig in Urlaub und Kultur investieren.

Und einer Partei, die mit diesen Zahlen Panik schürt, geben wir am kommenden Sonntag natürlich auch nicht unsere Stimme.

 

 

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