Identität und Religion

Veröffentlicht von vk am

Religion erklärte uns einst die Welt und ihre (und unsere) Entstehung und gab uns Identität und Rückhalt. Heute sind wir eine Wissensgesellschaft – was aber das Bedürfnis an Rückhalt und Identität nicht mindert.

Dieser Beitrag sollte eigentlich Verschwörungstheorien und ihre abstrusen, unlogischen, nicht wissenschaftlich nachvollziehbaren Argumente auf eine religiöse Weise erklären.

Daraus wurde dann aber etwas mehr. Bitte beachtet die Seitenumbrüche.

Man geht davon aus, dass unsere Vorfahren vor ca 6–2 Millionen Jahren ästhetisches Empfinden, Sprache und Religiosität entwickelt haben. Belege für Religionen gibt es zwar keine aus dieser Zeit, aber durch Sprache ist ein Austausch auf abstrakter Ebene möglich, man spricht über das Große und Ganze, das Woher und Wohin. 

Die ersten mutmaßlichen Belege für konkrete Religionen beginnen vor 300.000 Jahren, beispielsweise in Form der Venus von Tan Tan. Die ersten belegbaren Totenbestattungen mit Grabbeigaben sind 200.000 Jahre alt.

Die Wortherkunft von „Religion“ ist umstritten. Im Allgemeinen – und für das Verständnis des Wortes hilfreich – wird angenommen, dass es zunächst auf das lateinische Verb religare bezogen wird, also „anbinden, (sich an) etwas festhalten, an etwas festmachen“. Später hatte der Kirchenvater Lactantius den Begriff jedoch auf das lateinische Verb religio, also „wiederauflesen, beachten, bedenken, acht geben“, zurückgeführt.

Beide Ursprünge zeigen, obwohl beide nicht unumstritten, das Framing des Begriffs, also die Bedeutung, die wir ihm zumessen.

Zum Einen gibt die Religion Rückhalt, indem sie eine Rückbesinnung auf die Herkunft (Genesis) der Mitgläubigen bietet. Man hat gemeinsame Wurzeln.

Religion erklärt das Sein. Sie entsprang ja aus den ersten Versuchen, die Welt zu erklären. Dazu wurden mehr oder minder omnipotente Gottheiten heran gezogen, die am Ende über die Geschicke der Gläubigen bestimmen.

Was nahezu allen Religionen innewohnt sind die Dichotomien „Gläubige ./. Ungläubige“ und „Gut ./. Böse“. Religion stiftet daher Identität, wir, die Gläubigen, die von unseren Göttern geschützt werden, wenn nicht gar geschaffen wurden, und die anderen, die eben nicht an unsere Götter glauben.

Das Böse existiert in nahezu allen heutigen Religionen: Der Teufel ha-Satan des Judentums, ist der Ankläger im göttlichen Gerichtshof, und als man Gott vorwarf, dass Hiob nur deshalb so einen starken Glauben habe, weil Gott nichts Böses in seiner Nähe zuließe, wurde Satan geschickt, um Hiob zu prüfen. Also um Böses geschehen zu lassen, um zu erkennen, ob Hiob sich dadurch von Gott abwendet.

Der Begriff Satan hat im hebräischen Bibeltext – je nach Kontext – ein breites Feld von Bedeutungen: Der Ankläger vor Gericht, der Feind sowohl im Frieden als auch zu Kriegszeiten oder auch der Gegenspieler, der den Erfolg des Gläubigen zu verhindern versucht.

Durch die Übersetzungen ins Griechische wurde er zu diabolos. Im Christentum ist er der gefallene Engel, der gegen Gott aufbegehren wollte. Er ist nun die Versuchung der Christenheit, und es ist die dauernde Prüfung des Christen, den Verlockungen des Teufels zu widerstehen.

Menschen suchen eine Gruppenidentität. Als Einzelner kann man zwar überleben, aber nicht an der Erhaltung der Art mitwirken. Die hilflose Situation, in der Mutter und Kind unmittelbar nach der Entbindung sind und das Kind noch eine lange Zeit danach, ist  evolutionär nur möglich, wenn Menschen in sozialen Gruppen leben.

Diese Sozialen Gruppen kann man als Stämme bezeichnen. Der aus dem englischen abgeleitete Begriff Tribalismus beschreibt dieses Phänomen der Aufteilung einer Gesellschaft in viele kleine Gruppen mit eigener Identität. Stämme waren ursprünglich durch eine ethnisch homogene Bevölkerung, eine einheitliche Kultur, ein gemeinsam bewohntes Land, aber vor allem durch klare Abgrenzung ihrer Identität gegenüber anderen Stämmen definiert.

Solche Stämme finden Diskriminanten, um sich von anderen Stämmen abzugrenzen. Hier sind Religionen hilfreich, denn selbst, wenn der andere Stamm an prinzipiell dieselben Götter glaubt, kann er ja von einem spezifischen Gott geschützt werden, einem, der mit dem eigenen Beschützer gerade verkracht ist.

Neben der Identität, die wir in der Gruppe, ihren Regeln und ihrem Glauben finden, ist ein weiterer evolutionärer Vorteil, den wir haben, unsere Angstfähigkeit. Angst hilft uns zu überleben, oder besser: half. Denn, wie ich schon vor einiger Zeit schrieb, ist unsere Angstfähigkeit heutzutage wie ein unterfordertes Immunsystem: Es sind nicht mehr genügend Gefahrensituationen vorhanden, vor denen wir geschützt werden müssen, um unser Angstsystem auszulasen. Also ist die Angst mitunter glücklich, sich auf irgendetwas focussieren zu können, und macht das.

Wir sind nun im 21. Jahrhundert. Religion ist in Deutschland nur mehr ein theoretischer Unterbau für ethische Regeln. Die Wissenschaft ist so weit, dass sie ungefähr alles aus der Bibel widerlegen kann, begonnen mit den Eckpunkten des Lebens von Jesus: Unbefleckte Empfängnis und Wiederauferstehung von den Toten nach drei Tagen.

Genauso wenig, wie es einen Gott gibt, gibt es auch einen Teufel. 

Kategorien: Allgemein

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